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Acht Wochen verrückt

Kategorie:
Belletristik und Literatur,
Erfahrungsberichte
Autor:
Eva Lohmann
Titel:
Acht Wochen verrückt
Verlag:
Piper
ISBN:
9783492274685
Preis:
8,99 Euro
Einband:
Taschenbuch
Erscheinungsjahr:
2012 (Gebundene Ausgabe 2011)
Seitenzahl:
224


**E-Book:
**
ISBN:
9783492952606
Preis:
7,49 Euro
Format:
epub

Verlagslink: http://www.piper-verlag.de/taschenbuch/buch.php?id=19010&page=suche&auswahl=a&pagenum=1&page=buchaz

Inhalt:

Das Buch ist geschrieben aus der Sicht von Mila, der Protagonistin, die sich von ihrer Arbeit zunehmend unbefriedigt und überfordert sieht, ihr aber bis zum völligen Zusammenbruch mit ganzer Kraft nachgeht. Als sie es eines Tages nicht mehr schafft vom Sofa aufzustehen, bringt ihre Mutter sie in eine psychosomatische Klinik.
Nachdem sie sich dort ein wenig eingelebt hat und feststellt, dass es in der 'Klapse' eigentlich gar nicht so schlimm ist, fühlt sie sich dort wohl und verstanden und findet schnell Anschluss bei den Mitpatienten. Allmählich erwacht sie aus ihrer Lethargie, fängt an umzudenken und stellt ihr altes Leben in Frage. Die Schutzatmosphäre, die 'Glasglocke', welche die Klinik ihr bietet, der strukturierte Klinikalltag und die Therapien helfen ihr, sich ganz auf sich zu konzentrieren und herauszufinden wer sie in Wirklichkeit ist.

„Verrückt ist doch jeder, der in die Klapse kommt. Mila also auch. Acht Wochen wird sie erst mal bleiben. Was sie da soll? Und was es eigentlich heißt, normal zu sein? Wer weiß das schon. Auf jeden Fall begegnet sie einer Menge Verrückter – und endlich auch wieder sich selbst.
»Der Tag, an dem ich in die Klapse komme, ist ein Donnerstag« – so beginnt Eva Lohmanns autobiographischer Roman: Ihre Heldin Mila ist müde, unendlich müde und traurig. Dabei ist sie noch keine dreißig. Aber der Job frisst sie auf, und der Sinn ihres Daseins ist ihr aus dem Blick geraten. Mit Depression und Burnout wird sie in eine psychosomatische Klinik eingewiesen, auch wenn das bei ihren ambitionierten Eltern alles andere als populär ist und nicht nur bei ihrem Freund eine gewisse Beängstigung auslöst. Denn niemand von denen, die an einen solchen Ort kommen, ist doch normal, oder? Aber wie verrückt ist Mila eigentlich? Und kann man unter lauter Kranken überhaupt den Weg zurück ins richtige Leben finden?
»Acht Wochen verrückt«, der so unverstellte wie pointierte Roman über das Verrücktsein in normierten Zeiten. Von einer Erzählerin, deren scharfe Beobachtungsgabe niemanden verschont.“

(Inhaltsangabe auf http://www.piper-verlag.de/piper/buch.php?id=17712&page=ebooks&sort=titel&auswahl=96&pagenum=1)

Fazit:

Zunächst das, was mir gefallen hat: Es ist ein kurzweiliges Buch, das in nullkommanichts gelesen ist. Es ist in weiten Teilen unterhaltsam und stellenweise witzig. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich innerhalb einer solchen Klinik entwickeln, sind sehr authentisch dargestellt.
Das wars leider aber auch schon und bringt mich zu dem wesentlich größeren Teil, nämlich dem, was mir nicht gefallen hat.

Zum einen ist es, anders als deklariert, ganz klar kein Roman. Wenn ich ins Blaue hinein raten müsste, würde ich sagen, dass der Autorin für einen Erfahrungsbericht schlicht der Mut fehlte. So kann sie sich im Zweifel auf Nachfrage darauf berufen, die geschilderten Szenen um Mila seien fiktional.
Zum anderen merkt man dem Buch auch sprachlich an, dass es ein Erstlingswerk ist - Eva Lohmann ist das Schreiben längerer Texte ganz offensichtlich nicht gewöhnt, und ihrem Buch fehlt es an Geschmeidigkeit. Darüber könnte ich jedoch wohlwollend hinwegsehen, wenn es nicht so viele inhaltliche Schwächen gäbe.

Wie fast alles in diesem Buch, wird auch das Thema Medikamente nur sehr grob umrissen. Dem Therapeuten, der Mila behandelt (wahrscheinlich ein ärztlicher Psychotherapeut), erzählt sie, dass sie zu Hause bereits Antidepressiva bekommen hat, die sie aus Angst zunächst nicht nehmen wollte, sie dann aber irgendwann doch nahm. Da das Medikament sie müde macht, erhält sie von ihrem Therapeuten ein anderes.
Eine medizinische Untersuchung wird nicht vorgenommen, auch keine Anamnese erstellt. Mila wird über das neue Medikament nicht aufgeklärt, außer dass es antriebssteigernd wirkt und Suizidgedanken verstärken kann - ihre Ängste in Bezug auf Psychopharmaka kann er beruhigen: “Antidepressiva sind Heilmittel, Frau Winter.“ Von langsamem Ausschleichen des alten Medikaments und langsamem Einschleichen des neuen ist keine Rede. Ohne weitere Auf- oder Erklärung bekommt Mila eine Schachtel mit aufs Zimmer.
Sie nimmt die neuen Tabletten, und sie spürt schnell eine unangenehme Wirkung: „Drei Tage später bin ich auf einem ordentlichen Trip.“ […] „Mein Drogentrip dauert zwei Tage und zwei Nächte.“
Das ist ja ein gängiges Klischee, dass man mit Psychopharmaka 'aufn Trip' kommt - in Wirklichkeit ist das natürlich nicht der Fall. Und wenn sich die Nebenwirkungen derart schlimm äußern, wurde mit zu hohen Dosen begonnen oder es besteht eine generelle Unverträglichkeit - Mila jedenfalls geht es irrsinnig schlecht, aber interessieren tut sich keiner dafür - kein Arzt kommt vorbei, keine Schwester hakt nach.

Der Therapeut fragt in der nächsten Einzelsitzung auch nicht weiter danach. Ihn interessiert viel mehr, dass Mila bei den Schwestern einige Male wegen Kopfschmerzen nach Schmerzmitteln gefragt hat (die sie jedoch nicht erhalten konnte, da diese Medikamentengabe nicht durch einen Arzt abgesegnet war) und schließt daraus: „Meiner Meinung nach sind Sie tablettensüchtig.“ Natürlich hat er in dieser Geschichte recht, aber diese Diagnose zu stellen, ohne die Vorgeschichte zu kennen und ohne die Patientin zu ihren genauen Gewohnheiten im Umgang mit Schmerzmitteln zu befragen, halte ich schon für ziemlich gewagt.
Und wie behandelt man nun eine Tablettensucht in einer psychosomatischen Klinik? Richtig, es gibt einfach keine Schmerzmittel mehr. Auch hierbei erhält Mila keinerlei Unterstützung, und auch ihr Gesundheitszustand wird nicht kontrolliert.

Von den anderen Therapien erfahren wir ebenfalls nicht viel, nur die Gruppentherapie erhält ein wenig mehr Aufmerksamkeit, und es ist kurz von Sport die Rede. Was in der Klinik noch angeboten wird, bleibt unklar.
Da die Zeiten zwischen den einzelnen Therapien so viel Platz in dem Buch erhalten, entsteht der Eindruck, es handele sich um eine Art Urlaub auf Krankenschein, ein Feriencamp.
Aber gerade dies ist der Teil des Buches, der wirklich gut gelungen ist. Die Art und Weise, wie sich zwischenmenschliche Beziehungen in einer solchen Einrichtung entwickeln, ist in der Realität genau so wie in diesem Buch geschildert. Es bilden sich die unglaublichsten Kombinationen, denn „Was ist schon normal?“. Die Protagonistin betrachtet ihre Umwelt zunächst eher herablassend und hat sehr viele Berührungsängste, die sie aber schnell abbaut, als sie merkt, dass auch die eher kauzigen Patienten nett und liebenswürdig sind.
Sie stellt auch fest, dass es in einer Gruppe voller depressiver Menschen trotzdem oft lustig und unbeschwert zugeht - es wird eben nicht durchgehend nur geheult.

Schade, dass Mila ihre Mitpatienten nicht öfter während der Therapien erlebt, das hätte dem Buch sehr gutgetan und das Augenmerk des Lesers mehr darauf gelenkt, dass trotz aller Albernheiten der Klinikalltag nicht immer einfach ist und die Therapien auch sehr anstrengen.
Mir fehlt es in diesem Buch an Eindeutigkeit, in vielen Dingen bleibt Eva Lohmann zu vage, in anderen zu detailliert - es gibt mehrere Szenen im Speisesaal, die sich inhaltlich wiederholen.
Es hätte ein wirklich gutes Buch werden können…

Reinlesen

acht_wochen_verrueckt.txt · Zuletzt geändert: 2012/10/07 17:41 von merle